Quisquilien

Die rund 2.000 Quisquilien – lateinisch „was es auch immer sei“ – sind vor allem von kulturhistorischem Interesse. Sie sind größtenteils private Andenken an berühmte Künstler und Schauspieler der österreichischen Theater- und Kulturlandschaft und zeugen von einer geradezu kultischen Verehrung des Theaters und seiner Stars im 19. und 20. Jahrhundert. Die Quisquilien stammen vor allem aus Nachlässen und reichen von Möbelstücken bis zu kleinen Gebrauchsgegenständen wie Schminkkassetten, von Kultobjekten wie Totenmasken bis zu Miniaturausgaben berühmter Darsteller in Porzellan oder Keramik.

Die Objekte sind Zeugnisse der gesellschaftlichen Bedeutung der Wiener Theater und der Beliebtheit ihrer Künstler. Vor allem der Nachlass des Schriftstellers Hermann Bahr (1863–1934) und seiner zu ihrer Zeit als Sängerin weltberühmten Frau Anna Bahr-Mildenburg (1872–1947) beinhaltet eine große Zahl wertvoller Zeitdokumente von kulturhistorischer Bedeutung.

Mit der rasch voranschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wird das Bürgertum immer mehr zu einer wohlhabenden und einflussreichen Schicht. Der seit dem Wiener Kongress (1815) in ganz Europa wieder erstarkte Absolutismus erlaubte zwar keine politische Machtbeteiligung, sämtliche kulturellen Bereiche wurden vom Bürgertum jedoch wesentlich geprägt. Auch die Theater- und Musikwelt der Zeit erlebte die Dominanz einer bürgerlichen Kultur, die sich ihre Heroen ins private Heim holte – so war eine Beethoven-Totenmaske nichts Ungewöhnliches in bürgerlichen Wohnzimmern.

Neue, fortschrittlichere Produktionsbedingungen erlaubten eine Serienproduktion von unzähligen Nippes-Figuren und anderen Objekten, die die vergötterten Künstler-Idole darstellten. Um die Jahrhundertwende wurden diese „Devotionalien“ schließlich in großen Mengen hergestellt und spiegeln so den Beginn einer neuen, auf geradezu rückhaltloser Bewunderung der Stars basierenden Massenkultur, die auch heute noch das Verhältnis zwischen „Fans“ und verehrten Künstlern charakterisiert.

Quisquilien sagen sowohl etwas über die private Persönlichkeit des ehemaligen Besitzers aus, als auch über seinen Kultstatus. Der Kult mit der eigenen Person reichte von der Aufbewahrung von Haarlocken bis zur Anfertigung von Handabgüssen.

Die „Heldenverehrung“ ist selbst noch aus jüngerer Vergangenheit überliefert: Von Oskar Werner ist eine Gipsmaske erhalten, die er selbst in Auftrag gab. Aus dem Nachlass des Bundestheatermuseums – zwischen 1932 und 1938 in einem Seitenflügel des Wiener Burgtheaters untergebracht – stammt der Marmorfuß der berühmten Tänzerin Fanny Elßler.

Von der gegenseitigen Verehrung der Hofschauspieler des Alten Burgtheaters berichtet beispielsweise der vergoldete Lorbeerkranz von Adolf von Sonnenthal, den ihm seine Kollegen zum vierzigjährigen Burgtheaterjubiläum überreichten.

Nach Abriss des Burgtheaters auf dem Michaelerplatz entstand ein neuer Theaterkult: die Erinnerung an das alte Haus. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde als Erinnerungsstück gesammelt und aufbewahrt, selbst ein Hocker aus dem Zuschauerraum.

Dieser Kult ist auch auf das volkstümliche Theater übergegangen. Einen Beleg dafür liefert der umfangreiche Nachlass von Hubert Marischka, Schauspieler, Operettentenor und von 1923 bis 1935 Direktor des Theaters an der Wien. Er hat dem Museum unter anderem die äußere Klinke des Bühnentürls dieses 1801 eröffneten Gebäudes hinterlassen. Vor allem aber den Lieblingen der „Vorstadt“ galt seine Leidenschaft. So sammelte er Gebrauchsgegenstände, auf denen die Schauspieler in ihren beliebtesten Rollen abgebildet sind, wie einen Zylinderbecher mit dem Bild Ferdinand Raimunds als Aschenmann aus seinem Zaubermärchen Der Bauer als Millionär oder einen Schirmständer, auf dem Johann Nestroy als Willibald aus seinem Stück Die schlimmen Buben in der Schule abgebildet ist.

Oftmals übergeben auch die Erben dem Museum dekorative Einzelobjekte aus dem persönlichen Besitz der Schauspieler, wie zum Beispiel die Schminkkassette der in der Zwischenkriegszeit beliebten Volksschauspielerin Pepi Kramer-Glöckner.

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Informazioni

Quisquilien
Museo Austriaco del Teatro

Hermann Bahr war 1897 Mitbegründer der Wiener Secession, die sich als Gegenbewegung zum Akademismus verstand und eine Rückbesinnung auf die Gesamtheit der Künste forderte. Bahr beauftragte den Architekten des Secessions-Gebäudes, Josef Olbrich, mit der Errichtung seines Wiener Privathauses. Ganz im Sinne des Ideals von der Einheit von Kunst und Leben wurden sogar kleinste Details wie der Hausbriefkasten der Villa vom Architekten entworfen.
Hausbriefkasten an der Villa Ober St. Veit von Hermann Bahr (1863-1934)