In den eigenen
vier Wänden

Papiertheater - Eine
bürgerliche Liebhaberei

»Stellen Sie sich eine ganz normale Bühne vor; verkleinern Sie diese auf eine Größe, die auf Ihren Wohnzimmertisch passt und bedenken Sie, dass Sie die Bühne alleine aufheben können. Dann haben Sie eine perfekte Papiertheater-Bühne.«

Bretter, die die Welt bedeuten

Auf kleinen Bühnen aus Holz und Papier, versehen mit mehr oder weniger technischer Ausstattung, wurden klassische und damals beliebte Stücke – später auch Märchen – nachgestellt. Für den Bau der Bühnen stellten Verlage Pläne zur Verfügung; man konnte aber auch sein ganz individuelles Theater bauen. Der persönlichen Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Erlaubt war alles, sofern es für ein vergnügliches, familiäres Zusammensein sorgte und literarische Bildung für Jung und Alt garantierte.

Aufbau einer Szene

Die Große Bühne des Verlages Trentsensky besteht aus einer trapezförmigen Bodenplatte; an den beiden Längsseiten sind vorne und hinten Rahmen angebracht, die durch Querstreben miteinander verbunden sind und so Stabilität erhalten. Einkerbungen in der Bodenplatte und in den Querstreben ermöglichen die Fixierung der Kulissen und Hintergründe. Diese Bühnenform erinnert an den Aufbau der Barockbühne. Auf der linken und rechten Seite der Bühne befinden sich je nach Angebot des Verlages zwischen drei und sechs Kulissen, die nach hinten hin kleiner werden, wobei sich der Abstand der Kulissen zueinander zusätzlich verringert. Dadurch entsteht die optische Tiefe der Bühne.

Die Barockbühne

Die Barockbühne

Szenenbild: „La Zenobia di Radamisto“

In der Barockzeit entwickelte sich eine neue, aufwendige Bühnenform, die sich über viele Jahrhunderte als Typus halten sollte. Diese Bühne besteht aus einem Proszenium mit dem abschließenden Vorhang und einem tiefen Bühnenraum mit Kulissenteilen, die bis zum Bühnenhintergrund gestaffelt nach innen versetzt werden, um so eine besondere Tiefenwirkung zu erzielen. Hinzu kam die Entwicklung einer komplexen Bühnenmaschinerie, mit deren Hilfe man rasche Szenenwechsel bei offenem Vorhang durchführte und dramatische Effekte erzielen konnten. Das Schlosstheater in Český Krumlov und das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth sind bis heute gut erhaltene Beispiele für Barockbühnen.

Dekoration Schweizerhaus, Kulissen links
Kolorierte Lithografie
Dekoration Schweizerhaus, Hintergrund
Kolorierte Lithografie
Dekoration Schweizerhaus, Kulissen rechts
Kolorierte Lithografie
Diverse Figuren zu „Wilhelm Tell“
Kolorierte Lithografie

»…ich kann mich noch sehr gut meines ersten Besuches in jenem Papiergeschäfte in der Domgasse erinnern...

Ich kam mir vor – wie im Märchen! Es war so still und dunkel in der alten Gasse; draußen, auf dem Ring, das Leben die Sonne die Uniformen, die vielen Wagen, Pferde und Menschen, hier – in der stillen, engen Gasse – das große Papiergeschäft und die vielen, vielen verschiedenen ‚Mandelbögen‘ – einer immer schöner als der andere.«

Dr. v. Grünebaum

Mand(er)lbögen

Das Papiertheater entwickelte sich im Biedermeier – einer Zeit der beschaulichen Lebensführung mit dem Wunsch, den Lebensmittelpunkt in der Familie zu haben und Wissen sowie Bildung an die Kinder weiterzugeben. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts findet man zuerst in England und Deutschland erste Miniaturbühnen.

Als Vorläufer des Papiertheaters können Guckkästen, Mandlbögen und Krippen angesehen werden, die sich der Darstellung volkstümlicher Traditionen oder spektakulärer Ereignisse widmeten. Die sog. Mandl- bzw. Manderlbögen – Ausschneidebögen, die Personen oder einzelne Szenen in lieblicher Ausführung zeigen – fehlten in fast keinem bürgerlichen Haushalt.

Guckkästen und Krippen

Szenenbild für einen Guckkasten von Martin Engelbrecht. Karton, Radierung, ausgeschnitten und koloriert

Im 18. Jahrhundert wurde das Gefühl der räumlichen Tiefe durch Guckkästen vermittelt. Berühmte Beispiele sind die Szenendarstellungen von Martin Engelbrecht. In mehreren Reihen werden hintereinander Szenenteile aufgestellt, wodurch eine bestimmte Tiefenwirkung erzielt wird. Bei den Motiven überwiegen Landschaftsbilder und religiöse Darstellungen.

Die Krippen stehen im Zusammenhang mit dem geistlichen Schauspiel der Barockzeit. Speziell der ländliche Raum war geprägt von den Bräuchen des Jahres. Weihnachts-, Oster- oder Jahreskrippen, hergestellt aus den verschiedensten Materialien, waren bei der gläubigen Bevölkerung sehr beliebt.

„Das Turnier“, Blatt 18. Kolorierte Lithografie

Die sog. Mandlbögen gehörten zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages Trentsensky. Es handelte sich um Drucke von einzelnen Figuren oder Figurengruppen – den „Manderln“ –, die zum Ausschneiden und Aufstellen gedacht waren. Der Verlag bot ganze Serien von mehr als 20 Blättern an, die sich bestimmten Themen widmeten, wie zum Beispiel „Im Stadtpark“ oder „Der Garten“.

Die Vorläufer der Mandlbögen und Bilderbögen (diese waren speziell für Kinder gestaltet) lassen sich bis in das frühe 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Mit Hilfe einfacher Druckverfahren wurden Flugblätter hergestellt, die Ereignisse geistlichen und weltlichen Inhalts darstellten und an alle Schichten der Bevölkerung verkauft werden konnten. Augsburg und Nürnberg galten als Zentren der Herstellung von Flugblättern. Ende des 18. Jahrhunderts wurden London und Paris zu weiteren Orten, die sich mit drucktechnischen Verfahren beschäftigten. In Wien erlangte u. a. Hieronymus Löschenkohl mit der Herausgabe zahlreicher Kupferstiche beachtenswerte Bekanntheit.

Figurengruppe aus „Die Weinlese“, Blatt 3. Kolorierte Lithografie

Wiener Verlag Trentsensky

Federführend auf dem Gebiet des Papiertheaters in Österreich war bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts der Wiener Verlag Trentsensky, der es verstand, diesem Trend zu folgen, und besonders schön gearbeitete Vorlagen produzierte. Bemerkenswert ist, dass sich durchaus Verbindungen zwischen dem Verlagsprogramm und den Premieren an den Wiener Theatern herstellen lassen.

Bevor sich der Verlag Trentsensky dem Papiertheater zuwandte, wurden neben dem üblichen Verlagsprogramm an klassischen Schreibwaren aller Art auch sog. Mandlbögen produziert. Mit der Herstellung von Bögen für das Große Theater bzw. das Mignon-Theater startete man dann 1825 bzw. 1830. Sie erschienen sowohl koloriert als auch nicht koloriert zum Ausmalen. Für wohlhabende Familien gab es die einzelnen Teile bereits vorgefertigt in Kästchen.

Matthias Trentsensky

Der Verlag Trentsensky
1818–1879

Der Verlag Trentsensky
1818–1879

1819
Die Brüder Matthias (1790–1868) und Joseph Trentsensky (1794–1839) gründen den Verlag (Herstellung und Vertrieb von Druckerzeugnissen aller Art).

1819–1839
Die Firma wird von Joseph geleitet, da es Matthias aufgrund seiner Laufbahn als k.k. Offizier und Lithograf der topografischen Abteilung des General-Quartiermeisterstabes nicht erlaubt ist, ein bürgerliches Gewerbe auszuüben. Matthias ist der kreative und praktische Kopf, arbeitet selbst als Zeichner mit und knüpft die wichtigen Kontakte zu jungen Wiener Künstlern wie Joseph Schmutzer und Josef Kriehuber, die in der Folge sehr erfolgreich für den Verlag arbeiten.   

1822/23
Der Verlag erhält das Privileg für den Betrieb einer Zinkdruckerei und einer Zylinderdruckmaschine, die einen schnellen Druck ermöglicht.

1825
Im Verlag erscheinen die ersten Bögen für das Große Theater. Sie umfassen Proszenium, Vorhang, Dekorationen, Soffitten und Versetzstücke und werden vorwiegend von Theodor Jachimowicz gezeichnet. Die Figurenbögen, verzeichnet als „Theater-Costumes“, entwerfen u. a. Joseph Schmutzer und Moritz von Schwind.

1830
Es folgen die Bögen für das Mignon Theater. Sie sind kleiner, weniger aufwendig und erinnern in ihrer Machart an die Guckkästen des Verlages Martin Engelbrecht.

1831–1838
Der Verlag expandiert durch Übernahmen und Zusammenarbeit mit ausländischen Verlagen.

1839
Nach dem Tod von Joseph Trentsensky übernimmt Matthias die Druckerei.

1842
Das Geschäftslokal wird vom Zwettlerhof in die Domgasse verlegt.

1845
Die lithografische Druckerei von Eduard Siege und der Verlag der artistischen Anstalt von Matthias Trentsensky beginnen eine Zusammenarbeit. Trentsensky widmet sich dem Verlag, Siege der Druckerei (er erhält eine Steindruckbefugnis). Auf den Blättern findet man ab diesem Zeitpunkt neben der Signatur „M. Trentsensky“ auch die von „E. Siege“. In den nächsten Jahren werden die Auflagen für das Papiertheater ergänzt, erweitert und umgezeichnet.

1866
Matthias Trentsensky heiratet seine langjährige Lebensgefährtin Maria Anna Kurzweil. 

1868
Matthias Trentsenky stirbt. Seine Gattin ist Universalerbin und übernimmt das Unternehmen. Die alten erfolgreichen Serien werden neu aufgelegt und durch zusätzliche ergänzt. 

1879
Der letzte sensationelle Verkaufserfolg in der Serie der Ausschneidebögen sind die fast 50 Bögen, die den Huldigungsfestzug anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaars Franz Joseph und Elisabeth darstellen, den Hans Makart entwarf.
Matthias Trentsensky war die Seele des Verlages, er hatte die Ideen und die Antriebskraft, das Programm ständig zu verbessern und zu ergänzen. Mit seinem Tode ging dieses Potenzial verloren. Hinzu kam das Angebot anderer Verlage, die aufgrund der drucktechnischen Weiterentwicklungen eine billige Massenproduktion anbieten konnten, die die künstlerisch und handwerklich hochwertigen Wiener Erzeugnisse bald verdrängten.

Der Verlag reagierte mit seiner Papiertheater-Produktion auf den aktuellen Spielplan der Wiener Bühnen.

Die Figurenbögen und Dekorationen wurden zeitnah nach den Premierenterminen angeboten und ermöglichten dadurch den theaterbegeisterten Wienern, das zuvor auf der Bühne Gesehene sogleich zu Hause nachzustellen. Einige Bögen weisen eindeutige Übereinstimmungen mit Aufführungen an Wiener Theatern auf, beispielsweise die Kostümentwürfe zu Ferdinand Raimunds Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär, Carlo Gozzis Turandot, Prinzessin von China oder Friedrich Schillers Wilhelm Tell. Diese Wiedererkennung der Aufführungen der Wiener Theater im Papiertheater beschäftigt Forscher und Sammler schon seit vielen Jahren und beschäftigt uns auch heute noch.

Gervinus, der Narr vom Untersberg

Dreiaktige Posse mit Gesang, Text von Alois Berla, Musik von Franz von Suppé

Die Posse wurde am 1. Juli 1849 uraufgeführt. Der Anlass war die Eröffnung der Arena in Braunhirschen, ein hölzernes Theater mit ungefähr 3.500 Plätzen, die Franz Pokorny als Sommertheater und zusätzliche Spielstätte des Theaters an der Wien erbauen ließ. Er pachtete dafür den Garten des Freiherrn Pereira-Arnstein in Fünfhaus.

Die Rolle des Gervinus übernahm Carl Treumann, der für seine Leistung wohlwollende Kritiken erhielt. Er war ein bekannter Schauspieler, Operettensänger, Theaterleiter und Schriftsteller. Mit seinen beiden Kollegen Johann Nestroy und Wenzel Scholz ging er als geniales Trio in die Theatergeschichte ein.

Die Porträts von Carl Treumann in der Rolle des Gervinus stimmen mit den Vorlagen für das Papiertheater in verblüffender Weise überein.

Carl Treumann als Professor. Lithografie
Professor, Figur aus der Serie „Theater-Costumes“. Kolorierte Lithografie
Carl Treumann als Betrunkener. Lithografie
Betrunkener, Figur aus der Serie „Theater-Costumes“. Kolorierte Lithografie

Der Prophet

Oper in fünf Akten, Musik von Giacomo Meyerbeer, Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps. Das Werk wurde am 16. April 1849 in der Pariser Oper uraufgeführt und aufgrund des großen Erfolges bald an allen großen Opernhäusern Europas gespielt.

In den Beständen der Fotosammlung des Theatermuseums wurden Aufnahmen aus den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gefunden, die den Tenor Alois Ander in der Rolle des Johann von Leiden zeigen. Ein weiteres Beispiel für die Übereinstimmung der Aufführungen am Theater mit den Papiertheaterbögen.

Alois Ander in der Rolle des Johann von Leiden, Fotografie
Blatt aus der Serie „Theater-Costumes“. Kolorierte Lithografie

Der Zauberschleier
oder Maler, Fee und Wirthin

Romantisch-komisches Zauberspiel mit Gesang und Tanz nach Eugène Scribes Operntext Der Feensee, bearbeitet von Franz Xaver Told, Musik von Anton Emil Titl. Das Werk wurde am 11. Februar 1842 im Josefstädter Theater uraufgeführt.

»… da die Ausstattung ein Höchstmaß der Vollendung zeigte und die Schauspieler sich der Darstellung gegenseitig zu übertreffen suchten, nicht nur ein Prunkbild äußeren Glanzes, sondern auch eine Attraktion besonderer Art: als Schlußbild hatte nämlich Theodor Jachimovicz eine Wandeldekoration gemalt, die die Rheingegend mit ihren alten Städten und Burgen darstellte und in langsamer Bewegung vor den Augen der Besucher vorüberziehen ließ, die darob immer wieder in helle Beifallstürme ausbrachen … die Wandeldekoration wurde wiederholt neu gemalt, dabei von der 150. Vorstellung an die Rheinlandschaft durch die schönsten Stellen des Donautales von der Walhalla bis Wien abgelöst …«

Aus: Anton Bauer – Gustav Kropatschek, Der Zauberschleier, in: dies., 200 Jahre Theater in der Josefstadt. 1788–1988, Wien – München 1988, 55 f.

Wandeldekoration zu Der Zauberschleier, Blätter 1, 2 und 3. Kolorierte Lithografien

Zauberschleier-Ball

Franz Pokorny feierte mit der Produktion Der Zauberschleier seinen größten Erfolg. Es gelang ihm, eine außergewöhnliche Ausstattung und sehr gute Darsteller zu vereinen. Das Publikum war begeistert. Als kluger Geschäftsmann verstand es Pokorny, durch medienwirksame Veranstaltungen das Interesse an dem Stück über lange Zeit aufrecht zu erhalten. So veranstaltete er am 22. Februar 1843 in den Sträußel-Sälen des Theaters in der Josefstadt den großartigen „Zauberschleier-Ball“. Die gesamte Prominenz Wiens war eingeladen, Joseph Lanner dirigierte das Orchester und als Höhepunkt des Festes wurde ein kostbarer Schleier verlost. Ganz Wien sprach von diesem Ereignis.

Das Stück erzielte in Wien einen ungeheuren Erfolg. Am 10. Februar 1843 fand die 200. Vorstellung statt, am 15. Juni 1868 wurde es zum 400. Mal gegeben.

Der Verlag Trentsensky bot für die Nachstellung des Stückes Der Zauberschleier folgende Bögen an: zwei Figurenbögen und zwölf Blätter mit Dekorationen, hinzu kamen noch weitere vier Blätter mit der Darstellung der Landschaft entlang der Donau von Walhalla bis Wien, die dem Wandelprospekt aus dem Theater in der Josefstadt nachempfunden war. Da das Mignon-Theater als Aufstellungsbühne benutzt wurde, ist davon auszugehen, dass dieses Motiv aufgrund des großen Erfolges auf dem Theater produziert wurde, nicht aber als Wandelprospekt im Mignon-Theater Verwendung fand.

Mignon-Bühne mit Proszenium im Rokoko-Stil mit einer Szene aus Der Zauberschleier, Kolorierte Lithografien, Kamilla und Gert Strauss

Die Begeisterung kennt
keine Grenzen

Wien im Jahr 1900, Karikatur. Kolorierte Lithografie

Auf einem satirischen Scherzbild aus dem Jahr 1842 wird angenommen, dass Der Zauberschleier auch noch im Jahr 1900 an Wiener Bühnen zu sehen sein würde. Diese Karikatur stammt aus der Sammlung Hubert Marischka und sie sollte Recht behalten, denn noch im Jahr 1902 steht Der Zauberschleier auf dem Spielplan des Theaters in der Josefstadt.

Papiertheatervorführung für Kinder
3. Bild auf einem Bilderbogen mit vier Genrebildern
Kolorierte Lithografie, um 1860
Verlag: Winkelmann & Söhne, Berlin
Faksimile/Foto: Horst Ziegenfusz
Frankfurt am Main, Historisches Museum

»…zu Hause hatte ich nun nichts Eiligeres zu tun, als alles nachzumachen. Es wurde ein Theater konstruiert, gepappt, gekleistert und angestrichen. Auf Notenpapier malte ich den König Herodes und die übrigen, wie sie mir im Gedächtnis waren, und schnitt sie sauber aus. …«

Wilhelm von Kügelgen (1802–1867)
Porträt- und Historienmaler, Schriftsteller und Kammerherr am herzoglichen Hof von Anhalt-Bernburg

2 Kreuzer nicht coloriert
10 Kreuzer coloriert

Figuren, Kulissen, Hintergründe und Versetzstücke wurden vom Verlag in Bögen, farbig oder schwarz-weiß, zu unterschiedlichen Preise angeboten. Die teuerste Variante waren die bereits ausgeschnittenen, aufstellbereiten Teile.

Griseldis, Blatt aus der Serie „Theater-Costumes“

Der Verleger Trentsensky war ein moderner Geschäftsmann, der die Kulturbedürfnisse des Bürgertums erkannte und es verstand, Interesse für seine Produkte zu wecken. Mit dem sicheren Instinkt eines Kenners beschäftigte er junge Künstler, deren Begabung an der Qualität der von ihnen geschaffenen Bögen ersichtlich wird.

Bemerkenswert ist, dass weder Figuren noch Dekorationen zu Kinderstücken oder Märchen in das Verlagsprogramm aufgenommen wurden.

Trentsenskys Papiertheater war Unterhaltung für Erwachsene und Kinder sowie pädagogisches Mittel, um in der Familie die Kunst des Theaterspiels zu pflegen bzw. das auf der Bühne Gesehene zu Hause nachzustellen.

Biedermeier

Die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelnde Kultur des Bürgertums bezeichnet man als Biedermeier. Politisch handelt es sich um die Zeit nach dem Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution von 1848.

Fürst von Metternich prägte die europäische Politik und agierte für den österreichischen Kaiser. Er war bekannt für die harte Durchsetzung seiner Vorstellungen – u. a. Zensur und Einschränkung jeder politischen Betätigung.

Das Bürgertum entschied sich für den Rückzug in die Familie. Treue, Tugend, Bescheidenheit und das familiäre Miteinander wurde zu zentralen Themen. Man traf sich im kleinen Kreis, musizierte, rezitierte Gedichte oder erfreute sich am geselligen Miteinander. Der Kindererziehung widmete man weit mehr Aufmerksamkeit als je zuvor; in wohlhabenden Bürgerhäusern lehrten Hauslehrer, um eine entsprechende Bildung zu gewährleisten.

In der bildenden Kunst dominieren die Genre- und Landschaftsmalerei sowie das Porträt, der realistische Stil erfährt oft eine idealisierte Übersteigerung. Die Hausmusik wurde populär, Gesangsvereine wurden gegründet; bei den Komponisten wurden heitere Werke in Auftrag gegeben, die im familiären oder im Freundeskreis gerne gespielt wurden. Auch Tanzveranstaltungen – hier entdeckte man den Walzer – waren beliebte gesellschaftliche Treffpunkte.

Selbstverständlich besuchte man auch das Theater. Neben den Hoftheatern entstanden zahlreiche Vorstadtbühnen; abgesehen von klassischen Werken erfreuten sich Satiren und Parodien großer Beliebtheit.

Grillparzer, Raimund und Nestroy schufen Werke, die bis heute aktuell sind. Die Gemälde von Spitzweg oder Waldmüller bezaubern uns und getanzt wird immer noch nach den Melodien von Johann Strauß oder Joseph Lanner.

Je genauer und exakter die einzelnen Teile ausgeschnitten und bemalt wurden, desto schöner und für den Besitzer wertvoller war das Papiertheater. Die Teile der Trentsensky-Bögen waren sehr anspruchsvoll gestaltet und es erforderte große Geschicklichkeit, diese Fertigkeit beim Ausschneiden und Verstärken der einzelnen Teile zu erlangen.

Alles bewegt sich

Eine weitere Möglichkeit, Szenen in Bewegung zu zeigen, eröffnete das mechanische Theater, auch Theatrum mundi genannt.

Figur des mechanischen Theaters, Karton handkoloriert, ausgeschnitten

Bereits in der Barockzeit waren optische und mechanische Spielereien populär und noch im 19. Jahrhundert präsentierten Schausteller bewegte Szenen zur Unterhaltung und Information des Publikums. Gezeigt wurden vorzugsweise spektakuläre Szenen oder Ereignisse, manchmal mit einem belehrenden Element versehen. Für zusätzliche Begeisterung beim Publikum sorgten Licht- und Geräuscheffekte. Man kann diese Vorführungen auch als Vorläufer der Kino-Wochenschau verstehen.

Die Figuren des mechanischen Theaters waren aus Holz, Karton oder Metall gefertigt, bunt bemalt und zwischen ca. 15 und 40 cm groß. Die Szenerie bestand zumeist aus bemalten Kartons und es gab verschiedenste Systeme, um die Figuren zu bewegen.

»…ich fing an, mich in eigenen Ideen zu ergehen, und nun erst gewann die Sache rechten Reiz für mich. Ich wurde ein berühmter Puppenspieler unter meinesgleichen, und da ich alles selbst machen mußte, Text, Malereien und Aufführung…«

Wilhelm von Kügelgen (1802–1867)
Porträt- und Historienmaler, Schriftsteller und Kammerherr am herzoglichen Hof von Anhalt-Bernburg

Ein ganz wichtiger Aspekt bei der Beschäftigung mit dem Thema Papiertheater ist die Kreativität. Die Verlage stellten Vorlagen, Bauanleitungen und Texthefte zur Verfügung. Aber dennoch konnte jeder einzelne Spieler ganz individuell und frei mit den Kulissen und Figuren arbeiten.

Auch in unserer Zeit wird wieder Papiertheater gespielt, wobei sich die Form der Darstellung entsprechend unserer technischen Möglichkeiten gewandelt hat. Nachdem die Beschäftigung mit dem Papiertheater über lange Zeit fast vergessen war, geben zahlreiche Festivals, speziell im deutschsprachigen Raum, Zeugnis von den Aktivitäten der begeisterten Spielerinnen und Spieler sowie Sammlerinnen und Sammler.

Prinz, Wasserfarbe auf Papier

Prinzessin Wunderhold

„Eine liebe Berufskollegin (nebstbei geübte Pflanzenmalerin und große Kinderfreundin) hat dem Zeichner vor etwa 35 Jahren die Anregung für diese Arbeit geboten – durch ein Scherenschnittspiel, durch die einfachsten, primitiven Figurenformen und durch den dazugehörigen (in Wilhelm Busch-Manier gesetzten) kurzen Text. (Autor mir unbekannt, vielleicht die genannte Kollegin). Eine Überarbeitung der ganzen Sache – im kindlich naiven Stile wurde v. Zeichner ebenfalls versucht.“

Das sind die einleitenden Zeilen der Regieanweisung zum Märchenspiel Prinzessin Wunderhold. Dieses einmalige Papiertheater gelangte vor mehr als 20 Jahren ins Theatermuseum, ist aber um einiges älter. Davon zeugt das erste Szenenbild des Stückes, das die Front des Volkstheaters mit dem Raimund-Denkmal noch mittig im Vordergrund zeigt. Seinen heutigen Standort im nahen Weghuberpark erhielt das Denkmal 1938. Die Kleidung der Figuren erinnert an die Mode der 1920er Jahre, weshalb eine Entstehungszeit um 1930 vermutet wird.

Aufbau des Berges, Wasserfarbe auf Papier

Bauanleitung
Bauanleitung

Für den Aufbau der einzelnen Szenen und Figuren gibt es genaue „Aufbauanleitungen“. Als Beispiel haben wir hier den Aufbau eines Berges nachgestellt und die Pläne abgebildet. Nach einer genauen Anleitung werden die flachen Papierteile jeder Szene gefaltet und gesteckt, um so eine möglichst optimale Form zu erlangen.

Papiertheater-Aufführung von Prinzessin Wunderhold

Alle in den Szenenbeschreibungen zu Prinzessin Wunderhold aufgeführten 356 Teile des Papiertheaters befinden sich bis heute im Theatermuseum, sie wurden erfasst und fotografiert. Im Zuge der Vorarbeiten für die Ausstellung entstand die Idee, dieses biedermeierliche Märchenspiel Szene für Szene zu animieren und als Film wieder zum Leben zu erwecken.

Wir hatten bei der Arbeit viel Vergnügen und wünschen Ihnen gute Unterhaltung!

Sie finden das ganze Stück auf YouTube.

Tipp

Anlässlich der Ausstellung In den eigenen vier Wänden. Papiertheater – Eine bürgerliche Liebhaberei haben wir Papiertheater-Spieler eingeladen ihre Stücke bei uns im Museum aufzuführen.

Reservierungen unter T +43 1 52524 3460
Eintritt € 12; Kinder/Schüler/Studierende € 6
Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung!

19. Jänner 2017 um 18 Uhr
Peter und der Wolf“, ein musikalisches Märchen von Sergei Prokofjew.
WIENERpapierTHEATER, Kamilla und Gert Strauss

15. Februar 2017 um 18 Uhr
Die schaurig schöne Geschichte vom Gevatter Tod“ nach einem Märchen der Gebrüder Grimm und dem Berner Totentanz.
Ulrich Chmel’s Papiertheater

16. Februar 2017 um 18 Uhr
Imagination“ – schwarzes Theater mit Bildern von Spoerri, Magritte, Mondrian u. a.
Ulrich chmel’s Papiertheater

11. und 12. März 2017 jeweils um 18 Uhr
Eine Stunde mehr“, eine Geschichte über die Zeit...
Haases Papiertheater, Martin und Sieglinde Haase Papiertheaterspieler aus Remscheid

Rund um die Ausstellung

Öffnungszeiten

Tägl. außer Di 10 - 18 Uhr
Eintrittspreise & Anfahrtsplan

Online Ticket

Kalender

Alle Veranstaltungen rund um die Ausstellung finden Sie in unserem Kalender.

Information

Theatermuseum, Palais Lobkowitz, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien
T +43 1 525 24 3460, info@theatermuseum.at, www.theatermuseum.at

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